Glosse: Sarrazin ist Pflicht! (18.07.2011)

Sarrazin-Proteste

Liebe Migrant_innen, liebe Menschen mit Migrationshintergrund o. ä. ,

sollte morgen vor ihrer Haustür Güner Balci gemeinsam mit „der Speerspitze der Integration“, Thilo Sarrazin, in Begleitung des ZDF, der Berliner Morgenpost oder anderer Medienvertreter_innen auftauchen, schließen sie bloß nicht die Tür. Legen sie stattdessen einen roten Teppich aus. Ein paar Blumen als Ausdruck ihres Bekenntnisses zu Demokratie, Anpassung und bedingungsloser Unterordnung für so einen bedeutenden historischen Augenblick bereitzuhalten, könnte ihnen ebenfalls nicht schaden. :

Dass sie selbstverständlich Sarrazins im wahrsten Sinne des Wortes für Migrant_innen wegweisendes Buch „Deutschland schafft sich ab“ gut sichtbar präsentieren sollten, versteht sich von selbst und garantiert ihnen die Anerkennung als bedingungslose Kämpfer_innen für die Meinungsfreiheit. Auch sollten sie sich dafür einsetzen, dass dieses Meisterwerk der Abschaffungsforschung bald zur Pflichtlektüre in Schulen erhoben wird und dessen möglichst wortgetreue Wiedergabe den Einbürgerungstest als Zeichen für ihre „Integrationsbereitschaft“ ersetzt. Sollten sie diese gutgemeinten Ratschläge von wohlwollenden Inländer_innen nicht befolgen, mögen sie zwar glauben dies sei ihr gutes Recht. Doch hieran bemisst sich scheinbar, wer sich gut integriert hat und wer nicht. Über mögliche Nebenwirkungen nicht verinnerlichter deutscher Kultur können sich die Integrationsunwilligen und –unfähigen derzeit in Veröffentlichungen von Güner Balci, einiger Medienvertreter_innen oder aber auch auf rechten Webblogs informieren. Nicht wundern also, wenn ihr Versagen der Gastfreundschaft gegenüber solch lupenreinen Demokraten wie Sarrazin dazu führt, dass sie sich unter den Antidemokrat_innen aller Couleur wiederfinden. Es ist ihre eigene Schuld und sie waren gewarnt. Denn, wer Goethes Erlkönig gelesen hat, weiß: „Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt“. Nein, natürlich nicht die körperliche. Aber wenn sie Pech haben, trifft es dann nicht nur sie, ihre Familie, ihr Wohnumfeld und ihren Wohnort sondern auch alle die Menschen, denen die gleiche Herkunft oder Religionszugehörigkeit zugeschrieben werden. Hier müssen sie dann zumindest mit einer Entsolidarisierung bzw. Gegenwind aus den eigenen Reihen rechnen. Überlegen Sie also gut, ob sie nicht doch lieber kapitulieren und die einzige wahre Meinungsfreiheit anerkennen, die berechtigt zu beleidigen, andere Menschen auszugrenzen und gegen sie mit biologistischer und rassistischer Propaganda zu hetzen. So schaffen sie es unter Umständen zumindest kurzfristig aus dem Fokus bestimmter sogenannter Integrationsdebatten.